Die Wiener Forschungen an Kriegsgefangenen 1915-1918

Die Wiener Forschungen an Kriegsgefangenen 1915-1918: Anthropologische und ethnografische Verfahren im Lager

BRITTA LANGE
Volume: 17
Copyright Date: 2013
https://www.jstor.org/stable/j.ctt3fgkb4
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    Die Wiener Forschungen an Kriegsgefangenen 1915-1918
    Book Description:

    Die von 1915 bis 1918 durchgeführten Untersuchungen an Kriegsgefangenen der Habsburger Monarchie standen in der Tradition von früheren Forschungen durch österreichische Wissenschaftler im Vielvölkerstaat der Monarchie, aber auch bei Fernreisen und in Kolonialgefängnissen. Die wissenschaftlichen Erhebungen im Ersten Weltkrieg brachten zwar keine tief greifende methodische Neuerung, ermöglichten aber die systematische und massenhafte Durchführung von anthropologischen, sprach- und musikwissenschaftlichen Untersuchungen im eigenen Land und den Entwurf von Auswertungsmethoden. So beförderten sie auch akademische Karrieren – in Österreich im Besonderen von Rudolf Pöch, Josef Weninger und Robert Lach. In den heute größtenteils erhaltenen Aufzeichnungen aus den Kriegsgefangenenlagern sind sowohl die wissenschaftlichen Verfahren selbst als auch Widerstände dagegen dokumentiert. Die bildlichen und plastischen Aufzeichnungen lassen sich als Sichtbarmachungen von „Rassezugehörigkeiten“ in der physischen Anthropologie beschreiben, die Tondokumente gesprochener und gesungener Texte dagegen als Hörbarmachungen. Letztere wurden ebenso wie die Arbeitsobjekte der physischen Anthropologie im wissenschaftlichen Anspruch auf „Objektivität“ hergestellt. Sie dienten als typische Beispiele einzelner (Fremd-)Sprachen, umfassen jedoch mit sprachlich artikulierten Botschaften eine zusätzliche, inhaltliche Ebene: Einige Stimmen von Gefangenen reflektieren explizit die Umstände ihrer Aufzeichnung – den Krieg, die Lager, die Wissenschaft, den Akt des Sprechens selbst. Das Buch spürt der Wissenschaftsgeschichte dieser Tonaufzeichnungen, aber auch ihren bis heute nicht gehörten Erzählungen nach.

    eISBN: 978-3-7001-7505-6
    Subjects: Sociology

Table of Contents

  1. Front Matter
    (pp. I-IV)
  2. Table of Contents
    (pp. V-VI)
  3. Danksagung
    (pp. VII-VIII)
  4. I. EINLEITUNG
    (pp. 1-50)

    Das Manuskript zu diesem Buch entstand in einem Forschungsprojekt mit dem suggestiven Titel „Gefangene Stimmen“. Er bezieht sich ganz konkret auf die Stimmen Hunderter von Kriegsgefangenen, die deutsche und österreichische Wissenschaftler zwischen 1915 und 1918 in den Kriegsgefangenenlagern der Mittelmächte mit Phonographen und Grammophonen aufnahmen. Bei den Stimmen von Gefangenen handelt es sich jedoch auch im übertragenen Sinn um gefangene Stimmen. Diese Stimmen sind erstens technisch gefangen – als technisch aufgezeichnete und reproduzierte Töne. Sie sind zweitens institutionell gefangen – als konservierte und unter bestimmten Voraussetzungen verfügbare Dokumente in Wiener und Berliner Tonarchiven, die jedoch nicht unkontrolliert zirkulieren, vervielfältigt und...

  5. II. KRIEGSGEFANGENENFORSCHUNG IM ERSTEN WELTKRIEG
    (pp. 51-140)

    In diesem Kapitel geht es darum, die disziplinäre und methodische Bandbreite der von Berlin und Wien aus organisierten Forschungen an Kriegsgefangenen während des Ersten Weltkriegs darzustellen und ihre Besonderheiten zu eruieren. Ein Fokus liegt dabei auf der Frage, wie ethnografische Forschungsinteressen in die unterschiedlichen Forschungsprojekte einflossen. Zunächst wird die Geschichte anthropologisch-ethnografischer Forschungen vom späten 19. Jahrhundert bis zum Vorabend des Kriegsausbruchs 1914 beleuchtet, so dass die Untersuchungen an Kriegsgefangen im historischen Kontext von „Feldforschungen“ erscheinen (Kap. II.1). Die anthropologischen und linguistischen Forschungen an Kriegsgefangenen auf europäischem Boden zwischen 1915 und 1918 lassen sich dabei – trotz des juridischen Status der...

  6. ZWISCHENSPIEL: ZUR ROLLE DER AUFZEICHNUNGEN
    (pp. 141-152)

    Die Untersuchungen an Kriegsgefangenen stehen als symptomatisches Beispiel für „Zugriffe“ auf Menschen als „Forschungsmaterial“ in der Zeit zwischen 1910 und 1920. Versucht wurde dabei von wissenschaftlicher Seite, den Menschen „mit allen Mitteln“ zu erfassen – ein Paradigma der Moderne, das seine erschreckendste Ausdehnung im Nationalsozialismus erreichte. Zur „vollständigen“ Erfassung des Menschen wurde auf wissenschaftlicher und verwaltungstechnischer Seite der Verbund der verfügbaren anachronistischen wie modernen Medien benutzt. Während bei den von Berlin aus koordinierten Lagerbesuchen die Herstellung von Tonaufnahmen im Vordergrund stand, war der stärkste Impuls bei den von Wien aus organisierten Kriegsgefangenenforschungen das anthropologische und genauer: das physisch-anthropologische Erkenntnisinteresse. Die...

  7. III. ANTHROPOLOGISCHE VISUALISIERUNGEN ZUR „RASSENDIAGNOSE“
    (pp. 153-268)

    Das Anliegen der Wiener „Studienkommission“ war, bei den physisch-anthropologischen Kriegsgefangenenuntersuchungen „Material“ für Zuordnungen zu „Rassen“ und „Rassenmerkmalen“ zu sammeln. Bei der Datenaufnahme orientierten sich die Mitarbeiter an Rudolf MartinsLehrbuch für Anthropologie in systematischer Darstellung¹, das im Jahr 1914 kurz vor Kriegsausbruch erschienen war. Es stellte die erste systematische Zusammenfassung der gängigen Körpermessverfahren und anthropologischen Methoden dar und erläuterte die statistischen Auswertungen in großer Ausführlichkeit. Für eine verlässliche „Rassendiagnose“ empfahl Martin vor allem „somatoskopische“ Beobachtungen, welche sich auf die nicht-messbaren physischen Eigenschaften von Menschen bezogen, etwa die Form und Farbe von Augen und Haar, die Hautfarbe und die Nasenform.² Diese...

  8. IV. FILMAUFNAHMEN IN „GEWISSEN GRENZEN“
    (pp. 269-320)

    In diesem Kapitel geht es nicht allein um diejenigen Filmsequenzen, die Rudolf Pöch 1915 in den Kriegsgefangenenlagern Eger und Reichenberg gedreht hat. Vielmehr sollen diese einerseits im historischen Kontext von Pöchs und anderen Feldforschungsfilmen gesehen werden. Andererseits werden sie zu etwa zeitgleich entstandenen Propaganda- und Spielfilmen aus dem Ersten Weltkrieg ins Verhältnis gesetzt, die ihrerseits die Kriegsgefangenenlager thematisierten und für ihre Zwecke benutzten. Alle drei Filmarten aus dem Weltkrieg – wissenschaftlich, propagandistisch, fiktional motiviert – enthielten ethnografische Szenen. Es ist daher davon auszugehen, dass diese verschiedenen Zwecken dienten: Sie bestätigten die Präsenz von „exotischen“ Menschen auf den europäischen Kriegsschauplätzen und...

  9. V. TONAUFNAHMEN VON KRIEGSGEFANGENEN
    (pp. 321-430)

    In diesem Kapitel geht es darum, die Bedeutung jener Tonaufnahmen zu beleuchten, die zwischen 1915 und 1918 in Kriegsgefangenenlagern des Deutsches Reichs, vor allem aber der Habsburger Monarchie gemacht wurden. Beim Einsatz des Archiv-Phonographen durch Mitarbeiter des Phonogrammarchivs der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien kam ein standardisiertes Verfahren zur Anwendung, das nach der Gründung des Archivs im Jahr 1899 allmählich entwickelt worden war und das offenbar beim Einsatz des Grammophons durch Mitarbeiter der Königlich Preußischen Phonographischen Kommission übernommen wurde (Kap. V.1). Die aus Pöchs Auftrag zur Herstellung von Tonaufnahmen bewusst ausgelagerten musikwissenschaftlichen Studien in Kriegsgefangenenlagern führte der Musikwissenschaftler Robert...

  10. VI. SCHLUSS: GEFANGENE STIMMEN
    (pp. 431-448)

    Das Vorgehende hat gezeigt, wie politische, institutionelle und akademische Rahmenbedingungen zwischen 1915 und 1918 im Deutschen Reich und in Österreich groß angelegte wissenschaftliche Forschungen an Kriegsgefangenen ermöglichten und sie zugleich in bestimmten Formen prägten und förderten. Die Untersuchungen von Anthropologen, Orientalisten, Sprach- und Musikwissenschaftlern in Kriegsgefangenenlagern waren mannigfaltig und in quantitativer Hinsicht sehr produktiv. Wenn die Forschungsaufträge auch weder durch das Militär ausgesprochen noch die Forschungsergebnisse vom Militär verwertet wurden¹, so fanden die Kriegsgefangenenforschungen doch unter wohlwollender Billigung und mit praktischer Hilfe des Militärs und der kriegführenden Staaten statt. Bereits bestehende politische Tendenzen – chauvinistische, orientalistische, kolonialistische, auch rassistische Einstellungen...

  11. VII. ANHANG
    (pp. 449-490)