Willensschwäche in Antike und Mittelalter

Willensschwäche in Antike und Mittelalter: Eine Problemgeschichte von Sokrates bis Johannes Duns Scotus

Jörn MÜLLER
Volume: 40
Copyright Date: 2009
Published by: Leuven University Press
Pages: 826
https://www.jstor.org/stable/j.ctt9qdzsm
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    Willensschwäche in Antike und Mittelalter
    Book Description:

    ‘Weakness of the will’ is often used as a shorthand expression to describe a situation in which a person acts against his/her better judgement. This well-known phenomenon poses a serious philosophical problem because it questions deeply our self-understanding as rational agents. This volume offers the first comprehensive investigation into the roots of the present discussion of this subject. Four principal areas constitute the basic framework of the history of this problem: (1) the debate on akrasia in classical Greece; (2) the Christian understanding of weakness of will in late Antiquity; (3) the understanding of involuntary actions in the monastic period; (4) the scholastic controversy between ‘intellectualists’ and ‘voluntarists’ about the roots of human freedom. The book reconstructs the development of the problem within these frameworks and shows how the Greek and the Christian understanding of weakness of the will are intertwined. The final part offers an outlook on the present debate in view of these historical findings.

    eISBN: 978-94-6166-026-8
    Subjects: Philosophy

Table of Contents

  1. Front Matter
    (pp. 1-2)
  2. Vorwort
    (pp. 3-4)
    Jörn Müller

    Eine Studie zur Entwicklung des abendländischen Denkens über das Phänomen der Willensschwäche, die rund 1700 Jahre antiker und mittelalterlicher Geistesgeschichte abdeckt, verlangt ein hohes Maß an Willensstärke, und zwar in doppelter Hinsicht: Zum einen muss der Autor die periodischen Schübe exekutiver Willensschwäche überwinden, die sich bei der Umsetzung eines solchen Vorhabens nahezu zwangsläufig einstellen. Dass dies irgendwie möglich ist, wird durch das vorliegende Buch dokumentiert, das allerdings nur das Resultat und nicht den steinigen Weg, der zu ihm geführt hat, adäquat abzubilden vermag. Zum anderen erfordert ein solches opus magnum natürlich willensstarke Leserinnen und Leser, deren Interesse am Gegenstand angesichts...

  3. Table of Contents
    (pp. 5-10)
  4. I Einleitung
    (pp. 11-46)

    Die Willensschwäche bereitet allenthalben Probleme: Sie ist „jedem geläufig und doch allen unerklärlich“.¹ Ihre Problematik beschränkt sich dabei nicht auf das Fassungsvermögen des Einzelnen, insofern dieser sich als willensschwach erfährt und diesem Vorkommnis mit einer Mischung aus Unverständnis („Wie konnte mir das passieren?“) und Nonchalance („Das passiert schließlich jedem einmal!“) begegnet. Die Schwierigkeiten mit der Willensschwäche beginnen schon auf der Ebene der Begriffsverwendung, und zwar nicht zuletzt im Rahmen des philosophischen Sprachgebrauchs: Hier scheint eine babylonische Sprachverwirrung zu herrschen, deren semantische Konfusion der Beginn des einschlägigen Artikels im Historischen Wörterbuch der Philosophie adäquat zum Ausdruck bringt: Das Wort benennt ein...

  5. II Leidenschaftliche Begierde contra Vernunft: Die ἀκρασία-Debatte der klassischen Antike
    (pp. 47-208)

    Wo beginnt eine Problemgeschichte? Trivialerweise und dennoch unausweichlich dort, wo eine Sache zum ersten Mal explizit zum Problem wird. Dies kann im Werk eines einzelnen Denkers geschehen, der ein vorher gänzlich unbekanntes Problem entdeckt oder eine zwar bereits bekannte, bis dahin aber unkontroverse Thematik zum Problem erhebt. Doch gerade die Geschichte der Philosophie ist ein Fundus an Beispielen, bei denen ein Problemzusammenhang wesentlich durch den kritischen oder gar polemischen Dialog zweier Parteien konstituiert wird. Die Problemgeschichte der Willensschwäche scheint nun ein solcher Fall zu sein, denn sie beginnt bei näherem Hinsehen mit dem „ alten Streit zwischen Philosophie und Dichtung“.¹...

  6. III „Denn nicht das, was ich will, tue ich ...“: Die Diskussionen über die menschliche Freiheit in der christlichen Spätantike
    (pp. 209-380)

    Sucht man nach einemlocus classicusfür das spezifisch christliche Verständnis der Willensschwäche, so wird man im siebten Kapitel des Römerbriefs des Apostels Paulus fündig. Der um 55/56 in Korinth entstandene Römerbrief, den Melanchthon als Handbuch der christlichen Dogmatik (compendium theologiae christianae) bezeichnete, gilt auch noch heute vielen Exegeten als „Geburtsstunde christlicher Theologie“, insofern hier nicht nur die innere Logik des Evangeliums aufgedeckt, sondern der Versuch unternommen wird, das Evangelium an der Wirklichkeit insgesamt zu bewahrheiten.¹ Seine herausragende Bedeutung wird sinnfällig schon dadurch dokumentiert, dass er trotz anfänglich eher schleppender Rezeptionsgeschichte bereits früh an die Spitze desCorpus Paulinumgestellt...

  7. IV Unwilliges Handeln (invitus facere) und liberum arbitrium als Problem im 11. und 12. Jahrhundert
    (pp. 381-496)

    Zum Ende des vorhergehenden Teils haben wir gesehen, wie innerhalb des augustinischen OEuvres ein bestimmter Handlungstyp problematisiert und profi-liert wird, der für das Verständnis willensschwacher Handlungen sehr ertragreich ist: das unwillige Handeln (invitus facere). Sozusagen im Fahrwasser von Augustinus entwickelt sich im Kontext der breiter angelegten Diskussionen über die freie Entscheidung (liberum arbitrium) im 11. und 12. Jahrhundert eine lebhafte Debatte über dieses Konzept des unwilligen Handelns, in deren Rahmen es erheblich ausdifferenziert und weiterentwickelt wird. Den Auftakt unserer auf drei zentrale Denker fokussierten Darlegung soll dabei ein Autor machen, der den Begriff des „unwilligen Handelns“letztlich für ein hölzernes Eisen...

  8. V Zwischen Intellektualismus und Voluntarismus: Die scholastische Debatte um die Willensschwäche im 13. Jahrhundert
    (pp. 497-698)

    Die scholastischen Diskussionen zur Willensschwäche bilden den Abschluss und auch den Kulminationspunkt dieser Arbeit, insofern hier die beiden historischen Stränge der Diskussion zusammenfließen, die wir bisher kennengelernt haben: die ἀκρασία-Debatte der griechischen Antike und die christliche Diskussion im Anschluss an Paulus und Augustinus. Der historische Bedingungsfaktor hierfür ist der Wiedereintritt des siebten Buchs der Nikomachischen Ethik in den lateinischen Westen. Damit ist keineswegs gesagt, dass der scholastische Problemkontext wesentlich als ein rezeptionsgeschichtlicher zu sehen ist, dessen Beitrag sich auf eine Kommentierung der aristotelischen ἀκρασία beschränkt. Wie sichtbar werden wird, ist deren Aufarbeitung zwar ein integraler Bestandteil der scholastischen Debatte zum...

  9. VI Schluss
    (pp. 699-760)

    Nachdem in den Zwischenbetrachtungen die zentralen Resultate der Analyse und die wichtigsten historischen Entwicklungen innerhalb der vier zeitlich geschiedenen Diskussionskontexte verhandelt worden sind, sollen nun abschließend einige historisch übergreifende Linien gezeichnet werden, welche die vorgestellte Problemgeschichte in toto durchziehen und verbinden bzw. zusammenhalten. Dabei geht es nicht so sehr um die nochmalige Konturierung singulärer Positionen — diese„ Feinarbeit“ ist detailliert in den verschiedenen Kapiteln geleistet worden —, sondern eher um das strukturell intendierte Zusammenbinden der verschiedenen roten Fäden, die im Rahmen der Einleitung (vgl. Kap. I.3.) ausgelegt und anschließend durch die Arbeit hindurch verfolgt worden sind: Im Herausstellen der Kontraste und...

  10. Quellen- und Literaturverzeichnis
    (pp. 761-804)
  11. Index
    (pp. 805-809)
  12. Back Matter
    (pp. 810-814)